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Baustelle mit Durchgangsverkehr
Seine Berühmtheit verdankt der Alexanderplatz vor allem Alfred Döblins Roman


von Michael Bienert

Was wäre der Alexanderplatz ohne Döblins Roman? Bloß ein abschreckendes Beispiel dafür, wie Stadt nicht gebaut werden sollte. Ein Platz unter Plätzen wie der Ernst-Reuter-, der Wittenberg-, der Hermannplatz. Stadtgeschichtlich ein zweitrangiger Ort, verglichen mit dem Lustgarten, dem Gendarmenmarkt oder dem Pariser Platz. Daß der Alex sie alle an Berühmtheit übertrifft, verdankt er einzig und allein der Literatur. Döblins 1929 erschienener Roman hat ihn erst zu einem Wahrzeichen der Stadt gemacht, zu einem unverzichtbaren Identifikationspunkt im Stadtbewußtsein der Berliner.

Was er davor war, erzählt Döblin in seiner Autobiographie Schicksalsreise. "Ich kenne den Platz noch aus der Zeit, wo es hier sehr ruhig herging und sich in der Mitte ein kleiner Hügel erhob, den ein freundlicher grüner Rasen bedeckte; da gab es auch ein Gebüsch, in dem Bänke standen, auf denen man friedlich beieinandersaß, friedlich im Grünen, mitten in Berlin auf dem Alexanderplatz. Wir saßen oft hier, meine Mutter und ich, auch einer meiner Brüder, wenn wir zur großen Markthalle gingen und der Mutter die Tasche trugen. Es fuhren noch Pferdebahnen, es gab noch kein elektrisches Licht."

Die arme Bevölkerung aus den Mietskasernen des Nordens und Ostens fuhr zum Einkaufen und Umsteigen zum Alexanderplatz. Er war das proletarische Gegenstück zum bürgerlichen Potsdamer Platz am Westrand des historischen Stadtzentrums. An beiden Plätzen wurde seit der Reichsgründung fast ununterbrochen gebaut, ohne daß sie stabile architektonische Konturen erhielten.

1928 beschloß der Magistrat die vollständige Neugestaltung des Platzes, mit dem Ziel, den prognostizierten Massenverkehr auf mehreren Ebenen perfekt zu organisieren. Schonungslos wurde der Alex umgepflügt, und entsprechend stellt er sich in Döblins Roman dar: als Riesenbaustelle, auf der es von Passanten wimmelt, beherrscht vom einschüchternden roten Backsteinbau des Polizeipräsidiums. Als Döblin den Roman schrieb, hatte er vierzig Jahre lang in der Nähe gewohnt. Von seiner Kassenarztpraxis in der Frankfurter Allee unternahm er regelmäßig Spaziergänge zum Alexanderplatz. Dort setzte er sich gern zum Schreiben in ein Cafe. Er hatte alle Veränderungen des Ortes miterlebt. Nun sollte hier mit einem beispiellosen städtebaulichen Kraftakt ein ganz neues Konzept von Großstadt realisiert werden. Der Ort wartete nur darauf, von Döblin und seinen Zeitgenossen als Symbol für das ganze moderne Berlin entdeckt zu werden, für die Stadt der Arbeit, des Verkehrs, des Tempos, des ununterbrochenen Umbaus. Im Alex sammelten sich brennpunktartig die Charakterzüge der modernen Metropole, die immer nur wurde, ohne je zu sein, weil sie sich alle paar Jahre radikal neu entwarf.

In der Handlung des Romans spielt der Platz lediglich die Rolle eines Nebenschauplatzes. Dort, wo auch heute die Zeitungsverkäufer stehen, unter dem S-Bahnhof, handelt Franz Biberkopf mit völkischen Zeitungen. Einmal trifft sich an einem der Bauzäune mit seiner Mieze. In einer Bierschwemme am Alex wird er verhaftet; mehr aus Zufall, denn die Razzia wird nur durchgeführt, damit die Polizei nicht untätig erscheint (aus demselben Grund führt der heutige Polizeisenator seinen lächerlichen und erfolglosen Kleinkrieg gegen die Hütchenspieler). Mehr spielt sich im Roman dort nicht ab. Topographisches Zentrum der Romanfiktion sind die engen, übervölkerten Straßenzüge zwischen Alex und Rosenthaler Platz. Dort ist Biberkopf zuhause, dorthin wendet er sich am Anfang des Romans, als ihn niemand vom Gefängnis abholt. Dort lebt er, und wenn er umzieht, dann nur ein paar Häuser weiter innerhalb seines Kiezes.

Döblins bürgerliche Leserschaft identifizierte sich mit diesem Viertel bis zum Erscheinen des Romans sowenig wie mit dem Alexanderplatz. Die Gegend war als Armeleute-, als Kriminellen-, Prostituierten- und Judenviertel verrufen. Aus der mentalen Karte von Berlin, die man im Westen im Kopf hatte, wurde sie ausgegrenzt. Erst der Roman hat diese Lebenswelt literarisch salonfähig gemacht, hat sie dem Bewußtsein und dem Gedächtnis der Stadtgesellschaft eingebrannt.

Wer heute mit Döblins grandioser Platzbeschreibung im Kopf den Alex aufsucht, ist leicht enttäuscht. Doch vermutlich wäre ein zeitgenössischer Leser des Romans nicht weniger enttäuscht gewesen. Was Döblin schildert, ist ja bloß eine öffentliche Baustelle mit starkem Durchgangsverkehr und Straßenhandel. So stellt sich der Alex auch heute wieder dar.

Es ist Döblins Sinnlichkeit, die aus der hektischen, trostlosen Szenerie einen Genuß, seine Sprachgewalt, die daraus ein Ereignis werden läßt. Im Stimmengewirr des Platzes, im Bau- und Verkehrslärm erspürt er Rhythmen und bildet sie sprachlich nach: "Rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampframme...Ruller ruller fahren die Elektrischen, Gelbe mit Anhängern, über den holzbelegten Alexanderplatz..."

Fast den gleichen sound kann man heute noch hören. Man mische sich nur zwischen die Straßenhändler und Glücksspieler in der windgeschützten Ecke zwischen Berolinahaus, Kaufhof und S-Bahnhalle und schließe die Augen. Stimmen, Rufe, Schritte von tausend Füßen, das Echo eines fernen Preßlufthammers, das langezogene Heulen der alten Stadtbahnzüge - und in allem eine Schwingung, die der Atmosphäre des Romans zumindest sehr nahe kommt.

Anstatt der in der Literatur aufbewahrten Vergangenheit nachzujagen, sollte man sie lieber als Wahrnehmungsschule gebrauchen. Mit dem Sehen ist das allerdings nicht so leicht wie mit dem Hören. Döblin gibt kaum Beschreibungen räumlicher Gegebenheiten, setzt ihre Kenntnis vielmehr voraus: "Die Berolina stand vor Tietz, war ein kolossales Weib, die haben sie weggeschleppt." Wie das aussah, kann man sich im U-Bahnhof, Ausgang Richtung Forum-Hotel, anschauen. Dort hängen ein paar historische Platzansichten, auf Meißner Kacheln gemalt. Eine zeigt den aufgerissenen Alex anno 1930 aus der Vogelperspektive, läßt erkennen, wo das Warenhaus Tietz stand, wo Wertheim, wo das Polizeipräsidium. Auch der Baustellen der beiden Behrenhäuser am westlichen Platzrand sind eingezeichnet.

Die unterirdische Bahnhofsanlage, von Alfred Grenander als grandioses "Verkehrstheater" entworfen, atmet noch den Geist der 20er Jahre. Döblin hat ihre Fertigstellung nicht mehr erlebt, er mußte vor den Nazis fliehen, und als er nach dem Krieg zurückkehrte, war der ganze Platz eine Ruine. Nur der U-Bahnhof ist heil über die Jahre gekommen. Er ist streng sachlich, und doch wird es einem dort unten nie langweilig, dank der ständig wechselnden Raumhöhen, der überraschenden Perspektiven, der raffinierten Beleuchtung, die die Decken scheinbar auf Licht schweben läßt.

Die besondere Platzatmosphäre in Döblins Beschreibung rührt jedoch nicht von der Architektur her, sondern von den Menschen. Wer Döblins Alexanderplatz wiederfinden will, der muß nur lange genug in diese müden, verschlossenen Gesichter des Ostens sehen. Er hat Zeit dazu, denn die wenigsten Passanten haben es eilig. Sie bilden lange Schlangen vor den Imbißbuden, und dann stehen sie in den windgeschützten Ecken am S-Bahnhof herum und kauen an etwas. Sie schlingen dampfende Eisbeine, Bockwürste, Döner, Pizzen, Kuchen in sich hinein ohne sichtbare Anzeichen von Genuß.

Gehandelt wird alles, was billig ist: Bananen, Zeitungen, Fladenbrot, Schafwollsocken, Lotterielose, Blumen, Lesebrillen. Dunkelhaarige, zwielichtige Gestalten grüßen sich überschwänglich, werfen mißtrauische Blicke um sich und zählen Hundertmarkscheine unter freiem Himmel. Ein Säuferkränzchen stößt vor dem Warenhaus mit Bierflaschen an. Eine Horde bettelnder Punks hat am Alex ihren Stammplatz, so wie die bunte Gruppe musizierender Indios. Das größte Warenhaus des Osten saugt pausenlos Hausfrauen ins sich hinein und spuckt sie wieder aus. "Die Weiber haben dünne Strümpfe und müssen frieren, aber es sieht hübsch aus." Franz Biberkopf würde sich in diesem Milieu wohl fühlen.

Man muß den heutigen Alexanderplatz nur mit der gleichen Wachheit anschauen wie Döblin, dann wird er dem seinen ganz ähnlich. Wie in den Zwanzigern fehlt es ihm an Schick, er glänzt nicht, aber dafür ist er einer der wenigen wirklich urbanen Orte in dieser Stadt. Er gibt sich nicht weltstädtisch. Er lebt, ist nicht totzukriegen, ist einfach - berlinisch. Ob er das bleibt, hängt nicht von der künftigen Architektur ab. Nur wenn die Menschen bleiben können, die heute den Alex bevölkern, wird Döblins Platz auch in zehn oder zwanzig Jahren noch zu erkennen sein.

Erstdruck in DER TAGESSPIEGEL vom 20. Februar 1994.

© Michael Bienert
 


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Michael Bienert
DÖBLINS BERLIN
192 Seiten, ca. 200 Abb.
Verlag für Berlin und Brandenburg
Berlin 2017, 25 €

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